Handlungsfelder für die Gestaltung regionaler Lernkulturen


Das Erkennen von Gestaltungsmöglichkeiten setzt voraus, dass der zu verändernde Gegenstand hinreichend bekannt ist und Möglichkeiten der Einwirkung auf diesen Gegenstand – einschließlich der damit verbundenen Neben- und Nachwirkungen -  „abgeschätzt“ werden können.

Die Gestaltung der regionalen Lernkultur ist ein Prozess. Die genannten Ziele sind Kriterien für Optimierung dieses Prozesses.

Eine Prozessoptimierung setzt eine Prozessmodellierung voraus, um

-  die einzelnen Elemente des betrachteten Systems in ihrem Zusammenwirken zu erfassen,
-
  die wirkenden „Randbedingungen“ (Umgebung) zu erkennen,
-
  die Einflussmöglichkeiten auf das System zu analysieren und
-
  die erreichbaren Optimierungsergebnisse real abzuschätzen.

Für die Analyse des Prozesses „Gestaltung regionaler Lernkulturen“ ist daher eine schrittweise Vorgehensweise erforderlich, die mit der Klärung der Begriffe „Lernen“ und Lernkultur“ beginnt und schließlich zum Aufdecken aussichtsreicher Handlungsfelder für die Gestaltung der regionalen Lernkultur führt.

Für den Begriff „Lernen“ liegen zahlreiche Definitionen vor. Für die vorliegende Problemstellung erscheint die Aussage von Klix
[1] als praktikabel:

„Mit Lernen bezeichnen wir jede umgebungsbezogene Verhaltensänderung, die als Folge einer individuellen (systemeigenen) Informationsverarbeitung eintritt. ... Lernen besteht in der Ausbildung oder Korrektur von individuellem Gedächtnisbesitz.“

Zur Klärung des Begriffes „Lernkultur“ ist es zweckmäßig, zunächst den Begriff „Kultur“ zu betrachten. Das Wort „Kultur“ leitet sich von dem lateinischen Wort „colere“ ab, das etwa mit „pflegen, hegen, anbauen“ übersetzt werden kann. Dieser Begriff wurde ursprünglich für die Pflege und Vervollkommnung eines der Verbesserung und Veredlung fähigen Gegenstandes durch den Menschen verwendet. Er diente insbesondere zur Bezeichnung des Zwecks der Boden­bearbeitung (agricultura). Später wurde auch die Pflege, Ausbildung und Vervoll­kommnung der menschlichen Fähigkeiten mit diesem Begriff belegt. Im Laufe der Jahr­hunderte wurde der Begriff wesentlich erweitert und tritt jetzt in einer Vielzahl von Wort­kom­binationen auf. Gegenwärtig umschreibt die „Kultur“ die Gesamtheit von Gegebenheiten welche sich der Mensch als Glied der Gesellschaft angeeignet hat. Dazu werden insbe­sondere gerechnet: Religion, Recht,  Erziehung, Wissenschaft, Kunst, Ideen, Meinungen und Ideale.

In unserer Begriffserläuterung für „Lernkultur“ stützen wir uns auf die (durchaus nicht unumstrittenen) Definitionen von Kirchhöfer, Heyse, Erpenbeck und Michel
[2]:

„Der Begriff „Lernkultur“ greift auf ein Alltagsverständnis zurück, das davon ausgeht, dass unser Lernen überlieferten Plausibilitäten, Gewissheiten und Mustern folgt, deren wir uns oft gar nicht mehr bewusst werden und die als „Vertrautheiten bzw. Selbstverständlichkeiten unser Lernen ordnen und regulieren.“

„Lernkultur bezeichnet das kognitive, kommunikative und sozialstrukturelle Aus­füh­rungsprogramm für alle mit Lernprozessen befasste Sozialität. Im Zentrum stehen die dafür notwendigen fachlich-methodischen, sozial-kommunikativen, personalen und aktivitätsorientierenden Kompetenzen, die sich in einem Lernhandeln unter institutio­nellen und nichtinstitutionellen Bedingungen herausbilden.“

-  Zur Lernkultur gehören nach Knöchel[3]
-  „die Bereitschaft und die Befähigung der Menschen zum Lernen,
-
 die (pädagogische) Professionalität der Bildungsträger und der Lehrenden,
-
  die öffentliche Meinung und die öffentliche Anerkennung des Lernens und seiner Ergebnisse   sowie
-
  die für das Lernen verfügbaren materiellen und finanziellen Mittel.“

Eine Möglichkeit der Strukturanalyse des Lernprozesses ist durch das System der didak­tischen Funkti­onen gegeben:

  • die Vorbereitung auf den Lernprozess
  • die Vermittlung und Annahme der Ziele durch die Lernenden
  • die Arbeit am Inhalt des Lernens
  • die Aufnahme, Verarbeitung und Wertung von Informationen
  • die Festigung des erworbenen Wissens und Könnens
  • die Kontrolle und Bewertung des Lernens

Zum Aufdecken von Handlungsfeldern für das Gestalten regionaler Lernkulturen sind die Einwirkungsmöglichkeiten auf jede dieser didaktischen Funktionen zu analysieren. Das folgende Bild zeigt eine Möglichkeit der Strukturanalyse des Lernens. 

Zur Systematisierung potenzieller Handlungsräume werden aus Gründen der Überschau­barkeit

  • der individuelle Gestaltungsraum,

in dem neben dem Lernenden auch dessen persönliches Umfeld wie Familie, Lern­gruppe, soziale Gruppen, Vereine usw. berücksichtigt wird,

  • der organisatorische Gestaltungsraum,

in dem neben arbeit- bzw. beschäftigungsgebenden Institutionen auch die lern­unterstützenden Institutionen (zum Beispiel Bildungsdienstleister) einbezo­gen sind,

  • der regionale Gestaltungsraum und
  • der politische Gestaltungsraum (Gesetzgeber und umsetzende Ämter)

herangezogen.

Ein Ordnungssystem der Gestaltungsmöglichkeiten / Handlungsfelder kann durch eine Matrix mit den Variablen

  • Elemente des pädagogischen Prozesses

und

  • Gestaltungsräume der Elemente

 dargestellt werden.

Die personellen und sächlichen Elemente des pädagogischen Prozesse könnten dabei u. a.

  • durch die Möglichkeiten der Finanzierung des Lernens,
  • durch die Varianten der Bewertung und Anerkennung der Lernergebnisse und
  • durch die Formen der Organisation des Lernens

ergänzt werden, um damit unterschiedliche Möglichkeiten „lernförderlicher Strukturen“ besser zu verdeutlichen. 
 

itf Innovationstransfer- und Forschungsinstitut für berufliche Aus- und Weiterbildung Schwerin