itf - Forum für die berufliche Aus- und Weiterbildung
 

 

        Thema:
 
Kompetentes Mecklenburg-Vorpommern  -  Innovationen aus neuem Lernen
 
 

Mecklenburg-Vorpommern ist ein wirtschaftlich schwaches und kapitalarmes Land. Es kann sich neben dem Ausbau des Tourismus und der Stabilisierung der wenigen Industriegebiete offenbar nur durch die Förderung des Humankapitals zu einem wirtschaftlich interessanten Standort in Europa entwickeln.

Daher sollten die vielfältigen Initiativen der Landespolitik zur Unterstützung der beruflichen Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter in den Unternehmen und der arbeitslosen Bürger für die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt darauf konzentriert werden, über eine neue Strategie des Lernens als eine übergreifende Vision vor allem das Humankapital zu stärken.
Aus einer höheren Qualifikation und beruflichen Kompetenz erwachsen Innovationen und neue Konzepte für die wirtschaftliche Entwicklung, wie Analysen und Erfahrungen belegen können.

Kompetenz entwickelt sich insbesondere in solchen Lernprozessen, die eng mit dem Arbeitsprozess und dem sozialen Umfeld verbunden sind.

Es muss ein Umdenken vollzogen werden im bisherigen Verständnis der Weiterbildungs-
politik und dieser Paradigmenwechsel muss zu einer Lernkulturpolitik führen. Das vom Deutschen Bildungsrat in den 60er Jahren geprägte Weiterbildungsverständnis, dass Weiterbildung die „Wiederaufnahme organisierten Lernens nach einer ersten Bildungsphase“ sei, muss abgelöst werden durch ein Verständnis von Lernkultur, wo die unterschiedlichsten Akteure, wie Betriebe, Organisationen, Vereine, Verbände ihre jeweils eigene Verantwortung für das lebenslange Weiterlernen erkennen und auch wahrnehmen.

Dabei sind die folgenden Aspekte zu beachten und in politische Konsequenzen zu über-
führen. 

  1. Im Mittelpunkt einer zukünftigen Lernkulturpolitik steht auch weiterhin das Lernen in seinen unterschiedlichen Formen:
     

    • Lernen in der Arbeit,

    • Lernen im sozialen Umfeld,

    • Lernen mit den neuen Medien und

    • Lernen in Bildungseinrichtungen.

    Aber ein Lernen mit der Konzentration auf Kurse und Module nach einem schulischem Prinzip ist bei weitem nicht mehr ausreichend, um die erforderlichen neuen Kompetenzen erwerben zu können. Bisheriges schulisches Lernen ist auf die Qualifikation und Lehre ausgerichtet. Die notwendigen Veränderungen liegen in einem anderen Verständnis des Lernens im Zusammenhang mit dem Kompetenzerwerb.
     

  2. Neues Lernen ist auf die Selbstorganisation des Lernens gerichtet, die wegen der heute immer schneller ablaufenden Differenzierungs- und Spezialisierungsprozesse gefordert wird. Im Zentrum des selbstorganisierten Lernens steht der souveräne Lerner, der sein Lernen und Weiterlernen in den unterschiedlichen Formen selbst gestaltet. In einer auf Lehre ausgerichteten Weiterbildungskultur stand bisher der abhängige Lerner im Vordergrund, der mehr Objekt pädagogischer Prozeduren war.
     

  3. Aus dem veränderten Verständnis über eine neue Lernkultur ergeben sich auch neue Ansprüche an die Weiterbildungseinrichtungen. Sie müssen sich zu Agenturen des Lernens weiterentwickeln, die noch stärker eine Dienstleistungsfunktion wahrnehmen und ausüben. Die Lerndienstleistung besteht in einer komplexen Leistung, die neben der individuellen Information und Beratung über den konkreten Lerninhalt, eine Lernberatung und ein Coaching im Lernprozess sowie eine Selbstbewertung einschließt. Lernagenturen mit diesem Profil arbeiten in regionalen Netzwerken und entwickeln sich zu Zentren der Kommunikation und Information in der Region.
     

  4. Das neue Verständnis von einer Lernkultur ist kein isoliertes bildungspolitisches Politikfeld, sondern muss auch die Bereiche Arbeit, soziales Engagement und Regionalentwicklung einbeziehen. Deshalb liegt die Verantwortlichkeit für die Gestaltung der dafür notwendigen Lernkultur in der Profilbildung auf der regionalen Ebene.
     

  5. Die neue Lernkultur braucht lernförderliche Rahmenbedingungen in den Unternehmen und am Arbeitsplatz, die in die Wirtschaftsförderung integriert werden können und keinerlei weitere Investitionen oder Mittel erfordern würden. Investitions- und Innovationsförderung als primäre Aufgabe der Wirtschaftspolitik muss die Gestaltung einer veränderten Lernkultur zum Weiterlernen unter den betrieblichen Bedingungen einfordern dürfen.
    Damit trägt die Wirtschaftspolitik direkt zur Weiterentwicklung des Humankapitals in den Unternehmen bei.
     

  6. Die Unternehmen selbst haben im eigenen Interesse auch eine Verantwortung für das Weiterlernen ihres Personals, weil sie angesichts der weiter zunehmenden Spezialisierungs- und Arbeitsteilungsprozesse die benötigten Kompetenzen künftig selbst entwickeln müssen. Daher sind Überlegungen wiederum in die Diskussion gekommen, wie die Vision von einem lernenden Unternehmen unter Beachtung der neuen Herausforderungen verwirklicht werden kann.
     

  7. Auch der souveräne Lerner, dem nur das soziale Umfeld als Lern- und Arbeitsort zur Verfügung steht, benötigt eine lernförderliche Infrastruktur für sein Weiterlernen.
    Denn die Lebensbedingungen der Menschen jenseits von Erwerbsarbeit differenzieren sich immer weiter aus, so dass neue Formen des Kompetenzerhalts und der Innovationsfähigkeit entwickelt werden müssen. Das gilt aber auch beispielsweise für Selbsthilfegruppen oder Institutionen des Ehrenamtes. Die Bereitstellung von Lernumgebungen und die Gestaltung von lernförderlichen Struk­turen im sozialen Umfeld erweisen sich als eine zentrale Aufgabe für die zuständigen Ministerien. Auch hier gilt, dass die Selbstorganisation des Lernens nicht ersetzt werden kann durch Administration und lehrerdominierte Bildungsangebote.
     

  8. Die Differenzierungsprozesse in den Betrieben mit einer steigenden Dynamik zwingen dazu, dass Unternehmen zunehmend vor der Herausforderung stehen, sich die benötigten Kompetenzen durch eine zielgerichtete und bewusste Gestaltung betrieblicher Lernkultur selbst zu entwickeln. Damit verschiebt sich auch die Rolle von Ausbildung und Qualifikation. Hilfreich in diesem Prozess ist die Zusammenarbeit mit einem Bildungsdienstleister, der über die notwendigen pädagogischen Kompetenzen verfügt und eine unternehmensspezifische Aus- und Weiterbildung realisieren kann.

 

Zusammenfassend ist es notwendig, die zunehmende Verschmelzung von Arbeit, Tätigsein und Lernen auch in den politischen Zuständigkeiten zu akzeptieren. Im Zusammenhang mit der Gestaltung einer neuen Lernkultur wird daher eine systemische Politik zwischen Wirtschafts-, Arbeits-, und Bildungspolitik erwartet, die es noch herzustellen gilt.