|
Ausgangssituation
Der Tourismus im Allgemeinen und der Wassertourismus im
Speziellen boomen in Deutschland. Jährlich nutzen mehr
Menschen die touristischen Angebote, verbringen mehr Deutsche
ihren Urlaub im eigenen Land und kommen mehr Ausländer, um die
vielfältigen touristischen Angebote zu nutzen. Die Zahl der
Übernachtungen z.B. stieg in Deutschland von 1997 bis 2003 um
9,7%.
| |
|
|
 |
|
Wirtschaftsminister des Landes
Mecklenburg-Vorpommerrn
Dr. Otto Ebnet bei der Übergabe der Zuwendungsbescheide |
|
|
|
|
Eine besondere Bedeutung dabei nimmt der Wassertourismus ein.
Deutschland verfügt über ca. 23.000 km² Küstengewässer, 2.400
km Küste und 18 Inseln. Ein Wasserstraßennetz von rund
10.000 km Länge und unzählige Seen und Seensysteme zwischen
Alpen und den Küsten, die zudem mit allen europäischen
Nachbarn vom Mittelmeer bis zum Schwarzen Meer verbunden sind,
ergeben eine der größten und schönsten Gewässerlandschaften in
Europa. Allein acht der dreizehn deutschen Nationalparks
liegen am Wasser bzw. schließen große Wasserflächen ein.
Die Nachfrage nach wassertouristischen Angeboten ist riesig.
Über 17 Millionen Deutsche fahren Kanu, Motorboot oder
Wasserski, tauchen, surfen, segeln oder angeln. Maritime
Großveranstaltungen verzeichnen Besucherrekorde. (Quelle:
Strategiepapier Was Wassertourismus in Deutschland 2003, dwif,
Schwerin, 2003).
Neben diesem wirtschaftlichen Aspekt gewinnt der
Wassertourismus somit für alle Bundesländer auch in
bildungspolitischer Hinsicht an Bedeutung, da sich auf Grund
immer umfangreicherer Dienstleistungsanforderungen in dieser
Branche auch neue Möglichkeiten für berufliche Entwicklungen
und Fachkarrieren ergeben.
Der Modellversuch orientiert sich an den Gegebenheiten in
Mecklenburg-Vorpommern. Dieses Bundesland ist eines der
beliebtesten Wassersportgebiete in Deutschland. Jeder dritte
Bootsurlauber z.B. steuert den Nordosten an.
Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, in dem die
Zahl der Übernachtungen von 1995 bis 2003 stetig stieg
(Zuwachs von 122,8%).
Ein im Auftrage der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern
erstelltes Strategiepapier „Zukunft der maritimen Wirtschaft“
macht deutlich, dass ein großer Teil der Touristen und
Wassersportler sich einer anspruchvollen Freizeittechnik
bedient. Diese reicht von der modernen Angel über verschiedene
Wassersportgeräte bis zur Hochseeyacht. Diese maritime
Freizeittechnik verkörpert einen beträchtlichen Wert. Aus
diesem Grund müssen für die von den Urlaubern des maritimen
Tourismus mitgeführte Freizeittechnik Dienstleistungen im
Bereich Wartung, Pflege, Reparatur, Aufbewahrung, u.a. noch
stärker und umfangreicher vorgehalten und angeboten werden.
Derzeit gibt es allerdings im Servicebereich der maritimen
Freizeittechnik keine spezifisch ausgebildeten Fachkräfte.
Diese rekrutieren sich aus den unterschiedlichen klassischen
Berufsfeldern, wie Boots-, Schiff-, Kunststoffbootsbauer,
Segelmacher, Schiffsmechaniker, Konstruktions- und
Anlagenmechaniker, Motorenbauer, Industrieelektroniker u.a.
Durch eine sinnvolle Strukturierung von Weiterbildungen und
Zusatzqualifikationen für Absolventen einer dualen
Berufsausbildung muss nun eine solche berufliche Mobilität
erreicht werden, dass die immer umfassenderen
Leistungsanforderungen und Spezialisierungen für diesen
Dienstleistungsbereich qualitativ erfüllt werden können.
Ziele des Modellversuches
Im Modellversuch wird durch das Aus- und Fortbildungszentrum
Schiffahrt und Hafen mittels eines externen Bildungs- und
Innovationsmanagements für einen Verbund interessierter
regionaler Unternehmen der maritimen Wirtschaft unter den
spezifischen Bedingungen kleinerer Unternehmen ein flexibles
und differenziertes Weiterbildungssystem aufgebaut.
Durch arbeitsplatznahe oder arbeitsintegrierte
Qualifizierungsangebote sollen sich Facharbeiter/‑innen
innovatives, spezielles Fachwissen - hier vor allem
technisches Know‑how -, sowie Methoden- und Sozialkompetenzen
aneignen können.
Dabei werden neue Elemente und didaktische Möglichkeiten für
die Auslösung und Bewältigung von Selbstlernprozessen in
innovativen Branchen erprobt und in die Weiterentwicklung der
beruflichen Bildung eingebracht.
Ein gestaltungsorientiertes und gestaltungsoffenes Konzept von
regionalen Bildungsinnovationen lässt sich nur dann
erfolgreich implementieren, wenn es durch eine integrierte
regionale Innovationspolitik und ein entsprechendes
Innovationsmanagement und eine Koordination gestützt wird. Aus
diesem Grund sieht der Modellversuchsansatz die Zusammenarbeit
regionaler Akteure sowie nationaler und gegebenenfalls auch
internationaler Partner vor, um ein sich selbst tragendes
regionales Netzwerk zu etablieren.
Modellversuchsprodukte
Im Ergebnis des Modellversuches werden nachfolgende Leistungen
und Produkte angestrebt:
-
eine Struktur der neuen Tätigkeitsfelder im Bereich der
maritimen Freizeittechnik
-
ein transparentes und flexibles Weiterbildungssystems für
Unternehmen der maritimen Freizeittechnik
-
ein didaktisch-methodisches Konzept für das Lernen und
Weiterlernen im Prozess der Arbeit
-
Aussagen zu lernförderlichen (lernfordernden) Strukturen zur
nachhaltigen Entwicklung eines selbstorganisierten Lernens
-
das AFZ als Kompetenzzentrum für maritime Freizeittechnik
mit den Funktionen Personalauswahl, Qualifizierung,
Betreuung, Coaching, Vermittlung, Begegnung, Netzwerkpflege
und Innovationstransfer
Erste Analyseergebnisse im Marinabereich
Der Bereich der Marinas in Mecklenburg-Vorpommern verfügt über
eine gute Ausgangsposition. Der enorme Tourismusaufschwung,
die Anzahl der Beschäftigten, der Stand der Realisierungen
großer Investitionsvorhaben, das vorhandene Know‑how und nicht
zuletzt die Vertrauensposition bei den Kunden sind eine
ausgezeichnete Basis für eine positive Entwicklung in der
Zukunft.
Bundespolitisch wird der Wassertourismus in
Mecklenburg-Vorpommern stark gefördert. So gilt die
Charterscheinregelung dauerhaft und wird weiter ausgedehnt,
werden die Beschränkungen bzgl. der Personenzahl und
Fahrzeuglänge aufgehoben und werden Touristenangelschein und
Aufhebung der Fischereiabgabe angestrebt.
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es derzeit ein Netz von 420
Marinas, Sportboothäfen und Anlegern mit 18.000 Liegeplätzen
an der Küste und 14.000 Liegeplätzen im Binnenland. Für das
Jahr 2004 ist die Eröffnung weiterer Anlagen geplant. Bis 2010
sollen nach Planung des Wirtschaftsministeriums 20.000 weitere
Liegeplätze entstehen. Allein für die Yachthäfen in Rostock
und Boltenhagen sind Investitionen von 200 Mio. Euro
vorgesehen.
Das Dienstleistungsangebot von aktuell 294 erfassten Anlegern
und Marinas verdeutlicht das nachfolgende Diagramm. Es wird
ersichtlich, dass der Bereich Versorgung/Sanitär recht gut
abgedeckt wird.
Entsorgung und technischer Service sind dagegen unzureichend
entwickelt. Deshalb werden sich die Schwerpunktaktivitäten des
Modellversuches auf dieses Tätigkeitsfeld orientieren.
Die wissenschaftliche Begleitung im Modellversuch
In Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik
vollziehen sich immer schneller Veränderungen. Auch die
zunehmend stärkere Orientierung auf den Kunden erfordert
spezialisierte und flexible Fachkräfte. Diesen Entwicklungen
und Herausforderungen kann nur schwerlich mit
Standardprodukten und -lösungen in der Aus- und Weiterbildung
begegnet werden. Mit dem Modellversuch MARITIM sollen deshalb
innovative didaktisch-methodische und organisatorische
Konzepte für die Befähigung der Fachkräfte der maritimen
Freizeittechnik entwickelt, erprobt und für den Transfer
aufbereitet werden. Der Modellversuch tangiert mit einer Reihe
von Problemen, die im Zusammenhang mit der Flexibilisierung
der beruflichen Bildung unter den spezifischen Bedingungen von
Klein- und Kleinstunternehmen in Deutschland in der Diskussion
stehen. Die Innovationen liegen deshalb vor allem
-
in der Analyse und Strukturierung neuer Tätigkeiten, für die
es keine Berufe gibt,
-
in der Entwicklung und Erprobung eines flexiblen
Weiterbildungssystems für dynamische Tätigkeitsfelder sowie
-
in der Analyse, Erfassung und Bereitstellung
lernförderlicher Strukturen in Klein- und
Kleinstunternehmen.
Es
geht vor allem um solche Lernkonzepte, die die Selbststeuerung
und Selbstorganisation des Lernens ermöglichen und fördern
sowie die individuellen Erfahrungen und Biografien der
Lernenden berücksichtigen.
Neben der Erprobung innovativer inhaltlicher und methodischer
Ansätze werden darüber hinaus unter anderem solche
pädagogischen Probleme untersucht, wie
-
das Lernen und Weiterlernen im Prozess der Arbeit und für
den Arbeitsplatz unter den Bedingungen heterogener
Zielgruppen,
-
die Motivation der Lernenden für ihre aktive Rolle beim
Lernen,
-
das optimale Verhältnis des Kompetenzerwerbs unmittelbar am
und außerhalb des Arbeitsplatzes und die damit
zusammenhängende Rolle verschiedener Lernorte und
-
die Flexibilitätsräume für Lernende zum Erwerb und zur
Erweiterung der Handlungskompetenz.
Die Ergebnisse aus der Entwicklung, Erprobung
und Evaluation sollen letztlich auch zu einer neuen
Lernkultur im Prozess der Arbeit und zur Befähigung der
Fachkräfte zum lebenslangen und berufsbegleitenden Lernen im
Servicebereich der maritimen Freizeittechnik beitragen.
Bei der Bearbeitung der Modellversuchsschwerpunkte stützt sich
die wissenschaftliche Begleitung auf die Partner in der
Durchführung des Modellversuchs und auf ein verzweigtes
Kooperations- und Kommunikationsnetz in der Region und mit
überregionalen wissenschaftlichen und
modellversuchsdurchführenden Einrichtungen. |